In Indien
Mittwoch, Februar 14, 2007
Donnerstag, Februar 08, 2007
Schattenseiten
Dieses Mal ein Beitrag zu den dunklen Seiten dieses Landes, von denen es doch einige gibt und die alle doch so unglaublich miteinander verflochten scheinen, dass ich gar nicht weiss wo anfangen mit meiner Empörung und Motiviation:
Wir führen gerade ein Weiterbildungsseminar durch zu Advocacy- und Lobbyarbeit, Themenschwerpunkt ist in dieser Woche Menschenhandel. Das Verschwinden von Menschen - besonders Frauen und Kinder - ist in Indien ein allgegenwärtiges Thema.
Im Rahmen unseres Seminars besuchen wir die Red Light Area Punes 'Budwar Peth' und die dort tätige NGO Kayakalp. Budwar Peth befindet sich in der Altstadt Punes, dort wo ich Saris kaufen gehe, 5 Minuten von meinem Lieblingsplatz in einem kleinen Tempelinnenhof, in der Nachbarschaft zum Gemüsemarkt, einen Seitenblick neben dem Postamt - und doch habe ich diese Gassen nie wahrgenommen, nie die Frauen gesehen, die in den Türeingängen stehen und in den Fensterrahmen sitzen. Ältere Frauen und jüngere, in Saris oder in Miniröcken, aus Nepal und aus Indien, manche mit grellem Lippenstift, die meisten im Versuch, dem hellhäutigen Schönheitsideal näher zu kommen, mit weißlich gepudertem Gesicht.

Kayakalp hat ein Netzwerk von Peer Educators organisiert, dass heisst ehemalige Prostituierte, die die anderen Frauen beraten, da diese besser in die Community integriert sind als eine von aussen kommende Sozialarbeiterin. Sie klären über Geschlechtskrankheiten und HIV/ AIDS auf, helfen ihnen ihre Rechte zu vertreten. Kayakalp ist an einer mobilen Klink beteiligt, da die Frauen hier ihr Viertel oder ihre Gasse nie verlassen und an den öffentlichen Klinken stigmatisiert werden, wenn sie ihre Adresse nennen. Zudem gibt es eine Kinderkrippe, im Augenblick leider nur tagsüber.Mit zwei Mitarbeiterinnnen von Kayakalp besuchen wir ein Gebäude, in dem sich mehrere Wohnungen befinden, die als Bordelle dienen. Das Gebäude trägt den Namen 'Disco', vor dem Hauseingang ein Müllcontainer, wir müssen über Pfützen springen, um das dunkle Treppenhaus zu erreichen. Wir besuchen Wohnungen, in denen nur Frauen aus Nepal oder nur aus dem Nachbarbundesstaat Andra Pradesh leben und arbeiten. Es sind kleine Wohnungen mit einem Vorraum, in dem 10 bis 20 Frauen auf ihre Freier warten. Die "Zimmer" befinden sich im hinteren Teil der Wohnungen: kleine Abteile, die voneinander mit Vorhängen oder Spanplatten getrennt sind. Die Betten nicht lang genug, um sich auszustrecken. Wir sind angewiesen, unsere Fragen für später aufzubewahren und nicht die Frauen direkt nach dem Wie und Woher zu fragen, sondern nur ein bisschen Small Talk mit ihnen zu machen. So beantwortet uns Seema, die Leiterin von Kayakalp, unsere Fragen, als wir in ihren Räumen sitzen. In Budwar Peth leben und arbeiten ca. 4000 Frauen mit ihren Kindern, etwa 1000 kommen täglich nur für ihre Tätigkeit aus den Slums hierher.
Sie arbeiten für 20 - 100 Rupien (das sind 0,35 - 1,80 Euro) pro Freier, von denen sie zwischen 5 und 15 am Tag haben. Seema schätzt, dass um die 80% von diesen Frauen hierher verkauft worden sind. Die Frauen müssen 50% von ihren Einkünften an ihre ghariwalli - die "Managerin" des Bordells, wie sie mir vorgestellt wird - abgeben. Arbeitet man dagegen in der Polizeistation hier um die Ecke, scheint man gut zu verdienen. Seema erzählt, wie beliebt dieser Posten ist, wird man hier doch besonders gut mit Bestechungsgeldern versorgt - Prostitution, Menschenhandel, die Bereitstellung von Räumen für Prostititution, all das ist ja vor dem Gesetz doch illegal (nicht das Kaufen von Sex allerdings).Im Gespräch in den Räumen von Kayakalp (in den Kisten im Hintergrund: Kondome).
Am nächsten Tag besucht uns Asim Sarode von einer NGO, die unter anderem Rechtsberatung für Frauen anbieten, die unter dem Vorwurf Prostitution festgenommen wurden. Mit ihm gekommen sind Mary und Gauri, die beide in Budwar Peth leben. Mary aus Goa lebt schon einige Jahre in Budwar Peth und arbeitet mittlerweile als Peer Educator und als Leiterin einer Community Kitchen im Viertel. Mary wurde mit 18 von einem Verwandten für 30 000 Rupien (ungefähr 540 Euro) an ein Bordell verkauft. Diese Schuld sowie die Zinsen wurden wie bei jedem Fall von Trafficking auf sie übertragen. Sie hat zwei Kinder, von denen eines in Bombay in einem Heim und eines in Deutschland bei Adoptiveltern lebt. Sie ist HIV positiv, arbeitete jedoch bis vor kurzem als sich die Möglichkeit bot, der Community Kitchen zu arbeiten, als Prostituierte - durch ihre Tätigkeit bei der NGO setzt sie sich aktiv mit der Situation der Frauen auseinander. Gauri ist erst seit etwa 7 Monaten in Pune und erzählte nur sehr wenig. Sie war alleine unterwegs, als ihr von einem Mann angeboten wurde, sie nach Hause zu bringen. Gauri nahm an und fand sich in einem Bordell in Budwar Peth wieder.
Diese Geschichten hören sich alle viel zu unglaublich, aber doch sind es keine Einzelfälle (kleine Statistik am Rande: jedes Jahr verschwinden in Indien ca. 44 500 Kinder, von denen 11 000 unentdeckt bleiben. Alleine in Bombay waren das 2006 948 verschwundene Kinder, die nie mehr aufgetaucht sind. Und die Frauen sind in diesen Zahlen noch gar nicht inbegriffen).
Aber warum gehen die Frauen nicht zurück? fragt man nur so lange bis man von den Drohungen und der Gewalt hört. Die Frauen haben keine finanziellen Mittel, haben meist keine Ausbildung und sind analphabetisch, sprechen in vielen Fällen nicht die Sprache der Stadt in die sie verschleppt wurden - und ihre Familien sind in vielen Fällen nicht bereit sie zurück zu nehmen. Sich alleine niederzulassen ist für diese Frauen in der indischen Gesellschaft auch nicht wirklich eine Möglichkeit. Seema meint, dass sie einige Ehen gesehen hat, doch die Frauen sein nach wenigen Wochen oder Monaten immer wieder zurück gekehrt, da die Konflikte um ihre Vergangenheit immer zu gross wurden.
Ich bin hin und her gerissen zwischen wütendem Fussaufstampfen, weil man doch irgendwie was machen MUSS und andererseits resigniertem Schulterzucken, weil es offensichtlich aussichtslos ist, zu verhindern und man nur in allerkleinsten Schrittchen Dinge verbessern - nicht verändern - kann. So viel gäbe es auch noch zu berichten und zu beschreiben, doch dazu an andere Stelle ein andermal mehr.
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Samstag, Januar 20, 2007
weihnachtsferien
Nachdem der Dezember war wie oft auch in Deutschland - es war gefühlt zu kalt, ich lag mit Grippe flach, habe meine freie Zeit vor allem für Geschenkebummel genutzt und war beim Geld ausgeben dann viel weichherziger als sonst (ja, ich habe einem Strassenhändlerkind tatsächlich eine Nikolausmütze abgekauft...) nun nachträglich und ohne viele Worte ein lückenhafter Ferienbilderbericht: von Bombay nach Goa nach Pune!







































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Mittwoch, Dezember 06, 2006
Sonntag, Dezember 03, 2006
High Tech - brennende Züge - Housemusik
Alles wie immer möchte ich denken, wenn ich über die letzten Wochen nachdenke. Wenn ich kurz überlege stimmt das auch und andererseits wieder nicht, denn was heisst schon wie immer...
Diese Woche waren wir von Sangam aus in einem kleinen Dorf etwa eine Stunde von Pune entfernt, um eine Schule zu besuchen und dort die Jugendarbeit der Pfadfinder zu stärken. Wie in einer anderen Welt war es wieder einmal aus der Stadt heraus zu fahren: kaum Verkehr, die Natur wüstenhaft, keine Hochhäuser, relative Stille. Und was steht da am Rande des Dorfes: ein Schulneubau mit einem brandneuen Computerlab in einem eigenen Gebäude. 25 Computer in einem Fertighaus - alles, nicht nur die Computer, sondern auch die Stühle, Wände, das Dach sowie die Gerätschaften für den Aufbau waren komplett aus Amerika per Container nach Indien verschifft worden.
Ein Projekt von UPS, zusätzlich gesponstert von der EU. Ich muss sagen, dass ich etwas sprachlos war und mir meine Bemerkungen verkneifen musste, nach dem Motto "einem geschenkten Gaul..." Die Auskunft, dass es dort keine Power-Fluctures gebe und dann der Strom zweimal in einer Stunde unterbrochen wurde, machte es nicht gerade besser. Warum nun tatsächlich gerade hier im scheinbaren Nirgendwo Computerlabs gesponsort werden? Die Nähe zu Pune machte die Gegend zu einem attraktiven Ziel für internationale Firmen, die sich verstärkt hier niederlassen. So ist dies also eine Investition in die Ausbildung zukünftiger Angestellter - über das Wie kann man da natürlich diskutieren.
Weiter ins Dorf sind wir spaziert und haben dort eine ebenfalls neue Grundschule mit wiederrum noch glänzendem Computerlab besichtigt (die Aufgabe der Schüler war gerade: How to write an application for a sick leave ;-). Ich muss sagen, dass wir dann doch etwas neidisch auf die Ausstattung waren.
Nach den Schulbesuchen wurden wir durchs Dorf geführt, wurden in die traditionellen Dorfhäuser geladen, die aus Kuhdung gefertigt sind, das war dann tatsächlich sehr schön.
Die Idylle des Dorflebens wurde von einigen in unserer Gruppe jedoch für meinen Geschmack etwas zu sehr gepriesen. So hübsch es scheint und so viel angenehmer, wenn man aus der lauten und dreckigen Großstadt kommt - das Baby in einem der Häuser, das ich auf 2 Monate geschätzt hätte und das doch ein Jahr alt war, der Plastikmüll auch hier auf der Strasse, die Artikel über die 3000 Selbstmorde von Bauern in unserem Bundesstaat im vergangenen Jahr aufgrund der schlechten Lage - ich war ziemlich wütend über diese Verklärung und musste nach ein paar Sätzen schnell weiter gehen, um nicht zu böse zu antworten.
Ansonsten wurde diese Woche eine Statue von Dr. Ambedkhar enthauptet, was zu Unruhen hier in unserem Bundesstaat geführt hat. Dr. Ambedkhar war der erste Justizminister Indiens, ein ehemals „Unberührbarer“. Er gründete Indiens Neo-Buddhismus, zu dem viele der Dalits, wie die Unberührbaren heute genannt werden, konvertierten, um dem Kastenwesen zu entfliehen. Wer die Statue entweiht hat, ist den Medien nicht zu entnehmen, aber es sind die erzürnten Dalits, die Autos, Busse und Züge in Brand gesetzt haben und so ihrer Frustration Luft machten. Indien boomt, aber leider eben nicht für alle und da ist die Entweihung einer Statue willkommener Anlass für Protest.
So waren die Geschäfte geschlossen, in einigen Stadtteilen gab es Ausgangssperre und wir waren unter einen inoffiziellen Hausarrest gestellt. Die Aktionen, die zum gestrigen Weltaidstag geplant waren und an denen wir uns mit einer unserer Partnerorganisationen DISHA beteiligen wollten, sind so erst aus Sicherheitsgründen ausgefallen, obwohl gestern wieder alles ruhig war. Nächste oder übernächste Woche soll das aber nachgeholt werden und wir können jetzt wenigsten noch darüber nachdenken, wie unser Auftritt denn aussehen soll...
Als Abschluss der Woche dann noch zusammen mit Kolleginnen und Bekannten in die House-Disco Area 51, UFO-Architektur, kürzeste Miniröcke und abseitige Anmachsprüche inklusive („Germany – that’s German isn’t it“ sagt einer und hält mir freudig seine Hakenkreuzkette hin, während sich andere eher auf klassisches Gepose verlassen: „I’m a car designer for Ferrari, you know“). 
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